Martial Arts

Von Spiegeln und Bären


samurai


200 years ago the romantic novelist and poet Heinrich von Kleist shot himself at the Wannsee near Berlin. My post today is a text about the martial arts that I have written for people in my Karate-dojo probably in 2003. Kleist’s story Über das Marionettentheater takes center stage in it. I post it, even though it’s in German.

Der Geist des Krieges

Miyamoto Musashi ist uns bekannt als unbesiegbarer Schwertkämpfer. Er war aber auch ein begabter Handwerker, ein Schriftsteller, der das „Buch der fünf Ringe“ schrieb, und ein Tuschezeichner, dessen Kalligraphien noch heute in Japan als Meisterwerke gelten. Ein Multitalent also, dem in jeder Disziplin Außergewöhnliches gelang.

Auf einer seiner Zeichnungen stehen die beiden Schriftzeichen für Senki, den Geist des Krieges. Und darunter: „Wie ein Spiegel im kalten Fluß – der Mond“.

Musashi hat an mehreren Feldzügen teilgenommen. Er hat 60 Duelle überstanden, fast alle Gegner hat er getötet – warum beschreibt er den Geist des Krieges mit dem idyllischen Bild vom Mond auf dem Wasser? „Knöcheltief im Blut“ wäre doch bestimmt passender gewesen!

Musashi ist nicht der einzige, der Grundsätze der Kampfkünste mit dem Spiegelbild des Mondes illustriert. Taisen Deshimaru-Roshi schreibt, wie wichtig ein unbewegter Geist im Kampf ist. Ein Geist, der die Gedanken und Illusionen wie Wolken am Himmel vorbeiziehen lässt. Zur Verdeutlichung zitiert er ein Gedicht:

Das Bild des Mondes auf dem Wasser.
Der Mond bewegt sich nicht.
Das Spiegelbild des Mondes bewegt sich nicht.

Und dem Autor Janwillem van de Wetering, der lange Zeit in einem japanischen Zen-Kloster lebte, erklärte sein Lehrer: „Der leere Spiegel! Wenn du das wirklich verstehen könntest, dann gäbe es für dich nichts mehr zu suchen.

Was ist so bedeutsam an einem Spiegel, dass Kampfkünstler und Zen-Meister mit ihm ihre Botschaft illustrieren?

Stellen wir uns noch einmal das Bild vor: ein ruhiger Fluss, es ist Nacht, ein voller Mond steht am Himmel. Wir stehen am Ufer und betrachten den hellen Fleck im Wasser, der das Bild des Mondes ist. Was passiert, wenn sich eine Wolke vor den Mond schiebt? Das Spiegelbild im Wasser wird uns die Wolke sofort zeigen. Was passiert, wenn Wind aufkommt und das Wasser Wellen schlägt? Der helle Fleck im Wasser wird unbeweglich an der gleichen Stelle stehen bleiben. Das Spiegelbild zeigt unmittelbar, wie sich das Original verändert, läßt sich aber nicht von Nebensächlichkeiten ablenken.

Wie der Kranich mit der Schlange

Diese beiden Eigenschaften machen auch einen guten Kämpfer aus. Wir müssen unmittelbar auf die Bewegungen unseres Gegners reagieren, dürfen uns aber nicht durch seine Finten verwirren lassen. Von außen sieht ein guter Kampf aus, als sei er abgesprochen: beide Kämpfer bewegen sich mit ihrem Gegner, ohne zu stocken, ohne nachdenken zu müssen. Es gibt keinen Abstand zwischen beiden: bewegt sich der eine, hat der andere schon die passende Reaktion parat.

Die Bewegungen des einen fließen mit den Bewegungen des anderen zusammen. Man kann sagen: die beiden Kämpfer sind eins geworden. Genauso wie beim Spiegelbild des Mondes: gleitet im Himmel die Wolke vor den Mond, dann gleitet zugleich im Wasser das Bild der Wolke vor das Bild des Mondes. Es gibt keinen Abstand – Wasser und Himmel sind eins.

Warum gelingt es uns im Training so selten, mit unserem Gegner eins zu werden? Warum sehen Partnerübungen nur selten fließend und elegant aus, sondern meist abgehackt und stolpernd? Weil wir keine Spiegel sind! Weil wir nicht unmittelbar und ohne Abstand reagieren. Wir fangen an zu überlegen, zu planen und nachzudenken, was wohl die beste Reaktion ist. Diese geistige Aktivität nimmt uns ganz gefangen – kein Wunder, dass wir dabei über unsere eigenen Füße stolpern. Hätten wir uns einfach bewegt ohne zu denken, dann wäre unsere Reaktion elegant, schnell und effektiv gewesen.

Eine Bewegung ohne Denken ist eine natürliche Bewegung, so wie sie Tiere tun. Dass tierische Bewegungen besonders effektiv sind, ist eine der ältesten Beobachtungen in den Kampfkünsten. In sehr vielen Stilen gibt es Erzählungen, wie die Stilbegründer sich ihre Techniken von kämpfenden Tieren abgeschaut haben. Das chinesische Wingchun ist der Legende nach entstanden, als die Nonne Ng Mui beobachtete, wie ein Kranich mit einer Schlange kämpfte. Und auch im Karate gibt es verschiedene Tierstile, die Bewegungen von Tigern, Schlangen oder Drachen nachahmen.

Aug in Auge, als ob er meine Seele darin lesen könnte …

Effektiv zu kämpfen heisst, sich intuitiv zu bewegen ohne sich durch Nachdenken selber ein Bein zu stellen. Diese Botschaft ist so einfach, dass sie natürlich auch bei uns im Westen schon lange bekannt ist. Wir finden sie z.B. in Heinrich von Kleists kurzer Geschichte „Über das Marionettentheater“.

Die Geschichte endet mit der Erzählung des Kampfes zwischen einem Fechtmeister und einem Bären:

„Ich befand mich, auf meiner Reise nach Rußland, auf einem Landgut des Herrn v. G…, eines livländischen Edelmanns, dessen Söhne sich eben damals stark im Fechten übten. Besonders der ältere, der eben von der Universität zurückgekommen war, machte den Virtuosen, und bot mir, da ich eines Morgens auf seinem Zimmer war, ein Rapier an. Wir fochten; doch es traf sich, daß ich ihm überlegen war; Leidenschaft kam dazu, ihn zu verwirren; fast jeder Stoß, den ich führte, traf, und sein Rapier flog zuletzt in den Winkel.

Halb scherzend, halb empfindlich, sagte er, indem er das Rapier aufhob, daß er seinen Meister gefunden habe: doch alles auf der Welt finde den seinen, und fortan wolle er mich zu dem meinigen führen. Die Brüder lachten laut auf, und riefen: Fort! fort! In den Holzstall herab! und damit nahmen sie mich bei der Hand und führten mich zu einem Bären, den Herr v. G…, ihr Vater, auf dem Hofe auferziehen ließ.

Der Bär stand, als ich erstaunt vor ihn trat, auf den Hinterfüßen, mit dem Rücken an einem Pfahl gelehnt, an welchem er angeschlossen war, die rechte Tatze schlagfertig erhoben, und sah mir ins Auge: das war seine Fechterpositur. Ich wußte nicht, ob ich träumte, da ich mich einem solchen Gegner gegenüber sah; doch: stoßen Sie! stoßen Sie! sagte Herr v. G…, und versuchen Sie, ob Sie ihm eins beibringen können!

Ich fiel, da ich mich ein wenig von meinem Erstaunen erholt hatte, mit dem Rapier auf ihn aus; der Bär machte eine ganz kurze Bewegung mit der Tatze und parierte den Stoß. Ich versuchte ihn durch Finten zu verführen; der Bär rührte sich nicht. Ich fiel wieder, mit einer augenblicklichen Gewandtheit, auf ihn aus, eines Menschen Brust würde ich ohnfehlbar getroffen haben: der Bär machte eine ganz kurze Bewegung mit der Tatze und parierte den Stoß. Jetzt war ich fast in dem Fall des jungen Herrn v. G…

Der Ernst des Bären kam hinzu, mir die Fassung zu rauben, Stöße und Finten wechselten sich, mir triefte der Schweiß: umsonst! Nicht bloß, daß der Bär, wie der erste Fechter der Welt, alle meine Stöße parierte; auf Finten (was ihm kein Fechter der Welt nachmacht) ging er gar nicht einmal ein: Aug in Auge, als ob er meine Seele darin lesen könnte, stand er, die Tatze schlagfertig erhoben, und wenn meine Stöße nicht ernsthaft gemeint waren, so rührte er sich nicht.“

Der hochtrainierte Fechtmeiser versagt darin, den Bären auch nur zu berühren. Der Bär hat überhaupt keine Ahnung vom Fechten, niemand hat ihm jemals erklärt, was ein Schwert ist oder wie man sich am besten dagegen verteidigt.

Der Bär bewegt einfach nur seine Tatze – und besiegt den technischen Experten.

Laßt uns zu Bären werden!

Florian

Referenzen
1. Heinrich von Kleist, Über das Marionettentheater.
2. Miyamoto Musashi, Das Buch der fünf Ringe, ECON 1996.
3. Taisen Deshimaru-Roshi, Zen in den Kampfkünsten Japans, Knaur.
4. Janwillem van de Wetering, Der leere Spiegel, Rowohlt 2002.

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